Grenzen

„Das alles willst du?“

Chris hatte das Blatt sinken lassen und sah sie prüfend an.

Tina kniete vor ihm und hatte ihn, während er gelesen hatte, keinen Moment aus den Augen gelassen, um an seinem Mienenspiel ablesen zu können, was er zu ihren Wünschen und Fantasien denken würde. Diese Mühe hätte sie sich sparen können. Pokerface. Jetzt lag dieser prüfende Blick auf ihr.

„Ja“, krächzte Tina leise. Ihre Stimme wollte ihr für den Moment den Dienst verweigern.

„Und du bist dir sicher, dass dies nicht nur alles Kopfkino ist?“, bohrte Chris nach.

„Ich… ich weiß nicht. Wir müssten es ausprobieren. Aber ich denke, ich bin bereit, einen ganzen Sprung nach vorne zu machen.“

Nochmals warf er einen Blick auf das Papier, das ihre geheimsten Fantasien und Wünsche enthielt. Lange hatte sie gezögert, sich ihm mitzuteilen. Lange hatte sie gehofft, er würde die nächsten Schritte gehen. Aber das war nicht geschehen und hatte insgeheim bei ihr für Frust gesorgt. Es war so weit gegangen, dass sich ihr Verhalten eher ins Gegenteil gekehrt hatte. Von Devotheit war in letzter Zeit nichts zu spüren gewesen. Wenn er sie zwischendurch unsittlich berührt hatte, war ihr Körper automatisch in Abwehrhaltung gegangen. Er hatte diese Signale missverstanden und hatte sich, in der Annahme, sie wolle derzeit einfach in Ruhe gelassen werden, zurückgezogen. In den letzten Monaten war somit nichts passiert, was ansatzweise in die Richtung ihrer dunklen Leidenschaften gegangen wäre. Dabei wollte sie ihn, ohne groß darüber nachgedacht zu haben, provozieren! Es hatte nicht funktioniert. Bis es vor zwei Tagen geknallt und sie ihren ganzen angestauten Frust an ihm ausgelassen hatte. Auch dies hatte ihn nicht aus der Reserve gelockt. Ruhig hatte er ihr lediglich die Aufgabe gestellt, ihm klar mitzuteilen, was sie denn eigentlich wolle. Das Ergebnis hielt er nun in Händen.

„Sprung ist in der Tat der richtige Ausdruck“, meinte er zu ihrem letzten Kommentar. „Von Schritt könnte man nicht mehr sprechen.“

„Ich weiß“, gab sie leise zu und senkte den Blick. Die kniende Haltung und diese demütige Geste taten ihre Seele gut, stellte sie in sich horchend fest. So oft hatte sie sich in den letzten Monaten danach gesehnt. Sie hatte es nicht über sich gebracht, sich alleine in diese Position zu bringen und er hatte es nicht gefordert.

Tina erschrak leicht, als sie seine Hand auf ihrem Kopf spürte, die sie zunächst sanft streichelte, dann unter ihr Kinn fuhr und es anhob. Ihre Blicke trafen sich.

„Ich wusste nicht, wie es in dir aussieht“, entschuldigte er sich bei ihr. „In letzter Zeit hatte ich wohl den Kopf dafür nicht frei.“

„Ich weiß. Es tut mir auch leid, was ich dir vorgestern alles vorgeworfen habe“, entschuldigte sie sich ebenfalls. Das letzte Jahr war beruflich nicht leicht für ihn gewesen.

Einem tiefen inneren Bedürfnis nachgebend sank sie tiefer, bis ihre Lippen seine Füße erreichten, um sie zu küssen.

„Bitte verzeih mir“, sagte sie rau.

„Du kannst so schön demütig sein, aber anscheinend nur, wenn es dir gerade gefällt.“

Das hatte gesessen. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie war sich nicht sicher, ob er damit recht hatte. Sie wusste, dass sie eigentlich keine Kratzbürste sein wollte, die sie so oft war. Gleichzeitig kochte in ihr der leise Vorwurf hoch, dass er ihre Demut einfordern müsste. Es würde ihr dann so viel leichter fallen. Und all das, was auf diesen Zettel stand, den sie gestern an ihrem PC eng beschrieben hatte, das könnte sie sich wirklich vorstellen. Wenn sie ein wenig Unterstützung von ihm bekäme.

„Ich brauche ein bisschen deine Hilfe, so zu sein“, versuchte sie ihren Gedanken möglichst diplomatisch Ausdruck zu verleihen.

Er seufzte vernehmlich. „Ja, das kann man wohl sagen.“

Wieder fühlte sie sich getroffen. Sie wusste, wie er sich darüber freute, wenn sie von sich aus den Platz einnahm, der ihrem inneren Wesen entsprach. Warum schaffte sie das nur so selten? Sie ahnte, dass es der Schlüssel für viel mehr sein würde. Der Schlüssel, auch ihre anderen Sehnsüchte erfüllt zu bekommen.

Was war nur mit ihr los? Hatte sie insgeheim doch Angst, weiter zu gehen, als das, was sie bisher gemeinsam erlebt hatten? Mehr als ein bisschen knien, ein bisschen fesseln und ein bisschen Schmerz? Mehr als ein bisschen anders geartetes Vorspiel vor dem Sex? Da musste doch mehr sein! Das konnte nicht nur Kopfkino sein. Wenn sie eine entsprechende Geschichte las, war sie derart erregt und von Sehnsucht erfüllt, dass es schmerzte. Sie hatte nicht den Mut gefunden, es einzufordern. Nicht nur der Mut hatte ihr gefehlt. Es hatte sich nicht richtig angefühlt, es einzufordern. Insgeheim hatte sie gehofft, er würde die Initiative ergreifen. War er es nicht gewesen, der sie zu Beginn ihrer Beziehung darauf gestoßen hatte, was in ihr steckt? Hatte er sie nicht in diese Welt eingeführt? Sie traten schon lange auf der Stelle, kamen keinen Schritt weiter. Ihre Fantasie schon. Die war der Realität weit voraus geeilt. Manchmal erschreckte es sie, was sie sich insgeheim alles wünschte.

„Es schneit wieder“, sagte er in die Stille hinein.

Sie wandte den Kopf zum Fenster und eine Weile lang sahen sie schweigend den Flocken zu.

„Was haben wir dieses Wochenende vor?“, fragte er nach einigen Minuten.

„Nichts.“

„Wolltest du dich nicht morgen mit Sabine treffen?“, fragte er verwundert.

„Ich habe es abgesagt.“

„Weshalb?“

„Ich dachte, das hier“, dabei zeigte sie auf den Zettel, „sei vielleicht wichtiger.“

„So, so“, sagte er leicht schmunzelnd.

Auch sie musste die Mundwinkel nach oben ziehen und senkte leicht den Kopf. Es war mit Absicht geschehen, dass sie ihm ihre geheimsten Wünsche an einem Freitag Nachmittag überreicht hatte.

Als sie dem Schneetreiben kaum noch zusehen konnten, da es mittlerweile draußen stockdunkel geworden war und sie, da sich keiner von ihnen über lange Zeit bewegt hatte, auch selbst im Dunklen saßen, erhob er sich und machte die kleine Leselampe neben dem Sofa an. Das große Deckenlicht hätten beide als zu großen Schock empfunden.

„Ich mache dann mal Abendessen“, sagte sie und wollte sich ebenfalls aus ihrer Lage erheben.

„Nein, bleib so, wie Du bist“, sagte er ruhig.

Sie wandte ihren Kopf in seine Richtung und wollte in seinem Gesicht forschen. Doch die Beleuchtung war zu schummerig, als dass ihr das gelungen wäre. Sie spürte, wie sich ein erwartungs- und hoffnungsvolles Prickeln in ihrem ganzen Körper breit machte.

„Okay“, sagte sie leise.

Chris trat auf sie zu, so dass er dicht vor ihr stand, während ihr Kopf beinahe seine Oberschenkel berührte.

„Du willst mehr? Du sollst es bekommen. Dieses Wochenende gehörst du ganz mir. Ich werde dich leiden und kriechen lassen. Ich werde Grenzen überschreiten, die wir noch nie übertreten haben. Jetzt ist deine letzte Gelegenheit, nochmals in dich zu gehen, ob du deinem Kopfkino wirklich Realität folgen lassen möchtest. Überlege es dir gut. Ich komme in ein paar Minuten wieder, dann will ich deine Antwort.“

Mit diesen Worten verließ er den Raum und ließ sie und ihre Gedanken zurück. Sie überlegte, wie es ihr aufgetragen wurde. Sie verspürte ein gewisses Maß an Angst in sich, dass sie dem, was vor ihr liegen würde, nicht gewachsen sein würde. Die ernsthafte Frage, ob sie Nein sagen sollte, stellte sich nicht. So lange hatte sie darauf gehofft!

Als Chris den Raum betrat und vor ihr in die Hocke ging, um ihr direkt ins Gesicht sehen zu können, fragte er: „Nun?“

Sie versank in seinem Blick während sie antwortete: „In Ordnung, ich werde mich darauf einlassen. Und…“, fing sie einen neuen Satz an.

„Ja?“, fragte er nach.

„Danke“, hauchte sie und senkte ihren Blick.

„Gut, hör mir zu. Folgende Regeln für dieses Wochenende. Ich gebe dir zwei Codewörter. Sag einfach ‘Mayday’, wenn mit dir etwas körperlich nicht stimmt, also beispielsweise dein Kreislauf zusammenbricht oder dergleichen. Wenn du aber an deine körperliche oder psychische Grenze kommst, wo du sagst: ‘Bis hierher und nicht weiter’, dann sage bitte ‘Limes’. Verstanden?“

„Ja.“

„Gut, aber rede vielleicht schon davor mit mir, wenn du merkst, dass du in Grenzbereiche kommst.“

Sie nickte.

„Dann noch ein paar andere Sachen. Ich weiß, wir haben das bisher nicht gemacht, aber dieses Wochenende bin ich dein Herr. Und du nennst mich nun auch so. Klar?“

„Ja“, sagte sie mit belegter Stimme, denn das würde ihr in der Tat schwer fallen, empfand sie diese Herr-Spielchen bislang als albern.

„Ja was?“, bohrte er gleich unbarmherzig nach.

„Ja, Herr“, sagte sie und analysierte sogleich, wie sich das für sie anfühlte. Vielleicht war es doch nicht so schlimm, brachte es doch eine gewisse Distanz zwischen sie, die das Machtgefälle unterstrich.

„Und dann will ich keine Diskussionen. Wenn ich etwas von dir verlange, von dem du denkst, dass du es nicht tun kannst, dann kannst du mir deine Zweifel und Ängste mitteilen. Aber ich werde nicht mit dir über irgendetwas diskutieren. Wenn du eine gewisse Zeit brauchst, dich zu überwinden, etwas zu tun, ist das in Ordnung. Wenn du dein Codewort sagst, dann ist das natürlich auch in Ordnung und wir brechen ab. Aber ich will nicht, dass du etwas, was ich von dir verlangen werde, in Zweifel stellst. Überhaupt will ich von dir, dass Du deine schnippische Zunge im Zaum hältst. Ich habe keine Lust auf einen Kampf mit dir, so wie du es die letzten Monate getan hast. Wenn du das nicht schaffst, werde ich die Sache beenden.“

„Natürlich, Herr“, sagte sie und im Moment verspürte sie kein Verlangen, frech oder schnippisch zu sein. Im Moment versank sie eher immer tiefer in die ihr angedachte Rolle.

„Gut“, schloss er. „Dann würde ich sagen: Lasst die Spiele beginnen.“

Das tat er und bald betrachteten sie es nicht mehr als Spiel. Sie geriet in einen Strudel ihrer Gefühle und schwebte dauerhaft auf einer ganz anderen Ebene.

Er ließ sie kriechen, er ließ sie leiden. Wie er es angekündigt hatte. Er fesselte sie, ließ sie so neben seinem Bett am Boden schlafen. Er demütigte sie auf alle erdenklichen Weisen. Er überschritt Grenzen, die nicht einmal auf ihrem Zettel gestanden hatten. Er öffnete einen sehr dunklen Ort in seiner Seele. Schlug sie so hart, dass ihre Lippe aufplatzte, ließ sie seine Säfte trinken – alle. Er wahrte eine Distanz zu ihr, die er sich nie zugetraut hätte. Er beobachtete mit einer schrecklichen Faszination, wie sie tiefer sank, sich immer mehr in ihm verlor, immer mehr sein Geschöpf wurde, das er in Händen hielt und das seiner Macht ausgeliefert war. Er konnte es hüten, pflegen und beschützen – und er konnte es zerstören. Sie war an einem Punkt angelangt, der den Ausdruck „bedingungsloser Gehorsam“ harmlos erscheinen ließ. In ihrem Zustand hätte er sie benutzen, zeichnen, ausleihen, verschenken, missbrauchen lassen können.

Er schloss den dunklen Ort in seiner Seele wieder. Er holte sie aus dem Strudel hinaus, in den sie geraten war. Kein einziges Mal hatte sie ein Codewort gesagt. Anfangs hatte er hin und wieder nachgefragt. Irgendwann war auch ihm die Sache entglitten. Irgendwann war auch in ihm ein Schalter umgelegt worden, der ihn das tun hatte lassen, was er getan hatte. Bis er die Notbremse gezogen hatte. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er hatte sie ihre Grenzen erkennen lassen wollen. Doch wo waren diese? Gab es sie nicht?

Es dauerte eine Weile, bis sie wieder im Hier und Jetzt angekommen war. Bis sie wieder sie selbst war. Hoffte er. Seine Spuren würde sie noch eine Weile tragen. Den seelischen Abdruck dieses Wochenendes für immer.

Als das erste scheue Lächeln auf beinahe Augenhöhe über ihr Gesicht glitt, fragte er sie: „Das ist wirklich das, was du wolltest? So weit, so tief, so extrem?“

Er hätte nicht gedacht, dass nach dem zurückliegenden Wochenende noch so etwas wie Scham in ihr existierte, doch tatsächlich errötete sie bei dieser Frage.

„Ja, Herr.“ Leise, kaum hörbar.

Stille.

Kälte erfasste ihn.

Dann sagte er: „Limes.“

Abgrund…

© Devana Remold